Bezeichnungen für Personengruppen

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Wenn wir Gruppen von Personen in Bezug auf Geschlechtlichkeit beschreiben wollen, gibt es – neben non-binäre Personen, Frauen und Männer – verschiedene Begriffe, Abkürzungen und Umschreibungen wie z.B. Frauen*, FINTA oder «weiblich gelesen». Diese Formulierungen werden aber leider oft unpassend angewendet. Deshalb ist es hilfreich, genau zu überlegen, wen wir wirklich ansprechen und was wir erreichen wollen und dann – unter Berücksichtigung verschiedener Perspektiven – genau zu beschreiben, was wir meinen. Dies hilft, einerseits die wirklich gemeinte Personengruppe anzusprechen und andererseits, die nicht gemeinten Personen nicht zu diskriminieren.

Es ist eine grosse sprachliche Herausforderung, Gruppen von Personen in Bezug auf Geschlechtlichkeit so zu benennen, dass ganz klar wird, wer gemeint ist und wer nicht. Schreibenden ist es oft ein Bedürfnis, keine Menschen auszuschliessen oder aber auch eine Gruppe klar abzugrenzen. Dies hat zu Begriffen, Abkürzungen und Umschreibungen wie Frauen*, FINTA oder «weiblich gelesen» geführt. Aber diese bringen oft wieder ihre eigenen Probleme mit sich. Wenn Bezeichnungen nicht eindeutig sind und nicht von allen Beteiligten gleich verstanden werden, kann Kommunikation nicht funktionieren. Es kann in gewissen Situationen komplex werden, wie wir sehen werden. Aber solange Menschen immer noch basierend auf ihrer Geschlechtlichkeit diskriminiert werden, ist es keine allgemeine Lösung, einfach nur noch neutral von Menschen oder Personen zu sprechen. Mehr zu Kommunikation rund um non-binäre Menschen allgemein

Inhalt:

Warum und wann braucht es präzise Bezeichnungen?

Das Bedürfnis nach Begriffen für Personengruppen gibt es in verschiedenen Zusammenhängen. Ein häufiger Fall ist, Gruppen oder Räume so zu benennen, dass klar ist, wer Zugang zu diesen haben soll und wer nicht. Hier geht es oft darum, für gewisse Gruppen den Raum sicherer zu machen. Aber es gibt auch andere Gründe.

Eine präzise Benennung einer Personengruppe kann unterschiedliche Ziele haben:

  • Eine Gruppe möglichst präzise beschreiben
  • Keine Menschen ausschliessen (Inklusion)
  • Eine Gruppe gegen eine andere abgrenzen
  • Bestimmte Untergruppen explizit sichtbar machen oder ansprechen
  • Zugang zu Gruppen oder Räumen regeln
  • Nicht von aussen Personen Definitionen zuschreiben

Für diese Anwendungsfälle wären kompakte, präzise und allgemein verständliche Begriffe sehr nützlich. Somit wäre klar, wer gemeint ist und wer nicht. Die grosse Herausforderung dabei ist aber, dass alle Beteiligten diese Begriffe auch (gleich) verstehen müssen. Welche Probleme bestehende Begriffe mit sich bringen, wird unten beschrieben.

Dabei darf auch nicht vergessen werden, dass Geschlecht nicht immer relevant ist und in diesem Fall auch nicht angesprochen werden muss. In diesen Situationen sind neutrale Bezeichnungen (Menschen, Personen etc.) besser geeignet. Manchmal ist es auch besser, zu beschreiben, was an einem Ort passiert oder negative Einflüsse anzusprechen. Mehr dazu unten.

WC-Türe: wc fint* safer space – frauen, inter, nicht-binäre und trans personen
WC Gessnerallee Zürich (Foto: Evianne Hübscher)

Bestehende Bezeichnungen für Personengruppen

Es gibt verschiedene bestehende Begriffe, Abkürzungen (Akronyme) oder Umschreibungen als Bezeichnungen für Personengruppen mit Bezug zu Geschlecht. Wie diese Bezeichnungen genau definiert und verwendet werden, hängt oft vom Verwendungskontext ab. Wie und ob Menschen diese Begriffe als Selbstbezeichnung verwenden, kann zusätzlich variieren. Hier sollen die Bezeichnungen, Varianten und Herausforderungen besprochen werden. Wie wir sehen werden, sind einige der Begriffe manchmal zu wenig eindeutig, um für präzise Beschreibungen geeignet zu sein.

Frauen, Männer, non-binäre Personen

Die Begriffe Frauen, Männer und non-binäre Personen können definiert werden als: alle Menschen, die sich so identifizieren – also basierend auf ihrer Geschlechtsidentität.

Wenn wir die Begriffe basierend auf der Geschlechtsidentität einer Person verwenden, dann scheinen sie klar und problemlos zu sein. Die binären Begriffe schliessen Frauen und Männer ein, die trans und/oder intergeschlechtlich sind. Non-binäre Personen meint alle Menschen, die sich nicht oder nicht ausschliesslich als Frau oder Mann identifizieren. Soweit so gut.

Herausforderungen mit «Frauen, Männer, non-binäre Personen»

In gewissen Kontexten können diese Begriffe – alleine für sich genommen – gut funktionieren. Das setzt aber voraus, dass individuelle Geschlechtsidentitäten respektiert werden. Da jedoch individuelle Geschlechtsidentitäten nicht von allen gleichermassen akzeptiert werden, ist nicht zwingend klar, ob mit Frauen/Männer auch trans Personen eingeschlossen sind oder nicht. Auch wenn Autor*innen selbst diese Inklusion als selbstverständlich sehen, müssen sie damit rechnen, dass trans Frauen und trans Männer immer noch unsicher sein können, ob sie wirklich auch mitgemeint sind. Deshalb muss das dann explizit benannt werden. Ob Frauen und Männer dabei einzeln oder zusammen genannt werden, macht nicht so einen Unterschied.

Wird der Begriff non-binär einzeln verwendet, können wir davon ausgehen, dass Autor*innen es als eine Selbstbezeichnung akzeptieren (zumindest in der Schweiz, wo es keine entsprechenden amtlichen Geschlechter gibt – mehr: Recht). Manchmal stellt sich die Frage, ob agender Personen angesprochen sind oder nicht. Von der «negativen» Definition her (nicht binär: alle, die nicht ausschliesslich Frau oder Mann sind) sollte diese Inklusion eigentlich gegeben sein. Um dies aber noch etwas besser sichtbar zu machen, können Umschreibungen wie «Menschen auf dem non-binären Spektrum» oder «non-binäre und agender Personen» verwendet werden.

Noch schwieriger wird es mit der oft verwendeten Formulierung «Frauen und non-binäre Personen». In dieser Kombination drängt sich die Frage auf, was wirklich mit non-binär gemeint ist. In vielen Kontexten (z.B. bei Organisationen, die sich historisch nur für Frauen eingesetzt haben) scheint es oft so, als wäre eigentlich gemeint: Frauen (trans Frauen heute oft eingeschlossen) sowie non-binäre Personen, die bei Geburt weiblich zugeschrieben wurden. Falls das auch so gemeint ist, diskriminiert dies jene angesprochenen non-binären Personen aber gleich auf zwei Ebenen: Einerseits werden sie dadurch zu so etwas wie «Frauen light» und ihre Non-Binarität wird ihnen damit faktisch abgesprochen. Andererseits wird für sie auch deutlich, dass Non-Binarität als Geschlecht nicht wirklich akzeptiert wird, wenn Enbies, die bei Geburt dem männlichen Geschlecht zugeschrieben wurden, ausgeschlossen und somit diskriminiert werden. Auch wenn Autor*innen das nicht wirklich so meinen, müssen sie davon ausgehen, dass das für Betroffene eine naheliegende Lesart ist. Deshalb ist es empfehlenswert, irgendwo klarzustellen, wer genau gemeint ist und wer nicht. Auch wenn die Formulierung «Männer und non-binäre Personen» nicht so häufig ist, wären hier die gleichen Problemfelder zu berücksichtigen.

Frauen*, Männer* (Inklusionsstern)

Frauen* bezeichnet oft Gruppen von Personen, die sich als Frau identifizieren oder sich der Kategorie Frauen verbunden fühlen. In gleicher Logik kann Männer* verwendet werden.

Der sogenannte Inklusionsstern (nicht zu verwechseln mit dem Genderstern) soll den Wörtern eine gewisse «Unschärfe» hinzufügen und diese dadurch öffnen. In welcher Art der Stern die Begriffe öffnet, ist jedoch nicht klar definiert und hängt auch vom Kontext ab. Die Unschärfe kann z.B. bedeuten: eine politische Identität, sich dieser Kategorie verbunden fühlen, Kritik an essenzialistischen Geschlechtervorstellungen etc.

Herausforderungen mit «Frauen*, Männer*»

Weil die Bedeutung nicht genau definiert ist, führen diese Formen immer wieder zu Diskussionen. Der Stern wird von Leser*innen oft sehr unterschiedlich interpretiert. Immer wieder definieren die Autor*innen nicht explizit, was sie mit dem Stern genau meinen. Dies sollte auf jeden Fall irgendwo noch präzisiert werden (zu Beginn des Textes, in einer Fussnote etc.), weil sonst Missverständnisse vorprogrammiert sind.

Wenn das «Frauen*» meint, dass damit nur Frauen (cis und trans) sowie bei Geburt weiblich zugeschriebene Enbies gemeint sind, dann läuft es auf das gleiche Problem hinaus, wie das oben beschriebene bei «Frauen und non-binäre Personen».

Weiblich oder männlich gelesene Personen

Die Umschreibung «weiblich gelesene Personen» meint Menschen, die in unserer Kultur von anderen Personen tendenziell eher als weiblich wahrgenommen werden und nicht als männlich. Die gegenteilige Bedeutung hat «männlich gelesene Personen».

Diese Umschreibungen möchten ausdrücken, dass wir nicht gleichsetzen können, wie eine Person von anderen wahrgenommen wird und wie sie sich selbst identifiziert. Das kann nützlich sein, wenn wir z.B. über eine Gruppe von Personen sprechen wollen, die wir alle als männlich lesen, aber nicht wissen, ob sich auch alle von ihnen als Männer identifizieren. Beim Begriff «lesen» geht es um die Aussenwahrnehmung durch andere (innerhalb einer zweigeschlechtlichen Logik). Es geht um eine Geschlechtsattribution basierend auf der Wahrnehmung von Körper und Geschlechtsausdruck. Da diese Interpretationen subjektiv sind, können sie auch variieren oder unklar sein und sind somit per Definition unscharf. Verwandte Begriffe sind: femme (feminin) und masc (maskulin).

In der Art, wie diese Umschreibung auf den Geschlechts-Ausdruck Bezug nimmt, kann auch auf andere Dimensionen von Geschlecht Bezug genommen werden (z.B. «weiblich sozialisiert») – mehr dazu unten. Die Variante mit «gelesen» ist im Moment wohl am häufigsten anzutreffen.

Herausforderungen mit «… gelesene Personen»

Das wohl grösste Problem mit diesen Umschreibungen ist, dass sie eine Zweigeschlechtlichkeit basierend auf dem Geschlechtsausdruck weiter zementieren können. Problematisch kann es aber auch werden, wenn wir z.B. immer mechanisch das Wort Frauen durch «weiblich gelesene Personen» ersetzen. Dies kann dann in gewissen Situationen dazu führen, dass wir gewisse trans Frauen ausschliessen, obwohl wir das eigentlich gar nicht wollen. Oder es kann zu Aussagen führen, die nicht wirklich das beschreiben, was wir eigentlich meinen. Geht es wirklich darum, wie Menschen von anderen wahrgenommen werden? Wenn das der zentrale Punkt ist, dann ist «… gelesen» eine gute Umschreibung.

Trans Personen

Trans Personen sind Menschen, die sich nicht mit dem ihnen bei Geburt zugeschriebenen Geschlecht identifizieren. Der Begriff trans (oder auch transgender) wird meist als Adjektiv verwendet («trans Frau» analog zu «sportliche Frau») und wird heute in der Schweiz nur noch selten mit Stern geschrieben (trans* war eine Zeit lang eine gängige Schreibweise, um Inklusion zu signalisieren, in Deutschland immer noch häufig). Der Gegenbegriff zu trans ist: cis.

Herausforderungen mit «trans Personen»

In der obigen Beschreibung von Trans sind non-binäre Menschen eigentlich per Definition miteingeschlossen, wenn in einem Land nach der Geburt jede Person per Gesetz einem binären Geschlecht zugeordnet werden muss – wie in der Schweiz. Trotzdem gibt es auch non-binäre Menschen, die sich selbst nicht als trans bezeichnen. Aus diesem Grund ist die Formulierung «trans und non-binäre Menschen» inklusiver und kann in Texten nebst oder anstelle des Begriffs «Trans» verwendet werden, um diese Inklusion noch klarer sichtbar zu machen.

Ob trans Frauen und Männer auch so bezeichnet werden sollen (statt einfach nur als Frauen und Männer) hängt vom Kontext ab. Wenn es z.B. um Diskriminierungen von trans Personen geht, sollte die Transgeschlechtlichkeit sichtbar gemacht und auch benannt werden. In anderen Situationen sind es einfach Männer und Frauen. Auf einer individuellen Ebene gibt es sowieso unterschiedliche Präferenzen, ob eine Person sich selbst als Frau/Mann oder trans Frau/Mann bezeichnet.

TIN Personen

Die Abkürzung TIN steht für: trans, non-binäre und intergeschlechtliche Personen (mehr zu Intergeschlechtlichkeit). Im Gegensatz zu LGBTQIA+ fokussiert diese Abkürzung auf marginalisierte Geschlechter (in Bezug auf Identität und/oder Körper) ohne etwas über sexuelle Orientierungen etc. zu sagen.

Bei der Variante TINA werden agender Personen separat genannt, obwohl diese in einer allgemeinen Definition von Non-Binarität auch schon eingeschlossen wären.

Herausforderungen mit «TIN» etc.

Ein Problem mit dieser Abkürzung ist, dass sie noch nicht so breit bekannt ist. Wenn wir agender Personen mehr Sichtbarkeit geben möchten, können wir die Variante TINA verwenden.

FINTA etc.

Die Abkürzung FINTA steht für: Frauen, intergeschlechtliche, non-binäre, trans und agender Personen. Eine kürzere Definition ist: alle ausser cis-endogeschlechtliche Männer (= nicht trans oder intergeschlechtlich).

Die Variante FLINTA nennt Lesben separat, um ihnen und ihrer Diskriminierung noch mehr Sichtbarkeit zu geben.

Herausforderungen mit «FINTA» etc.

Der Begriff «FINTA» ist zwar relativ klar definiert, aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass er trotzdem nicht von allen gleich (gut) verstanden wird. Ein Beispiel dafür könnte sein, dass an einer FINTA-Party eine cis Frau überrascht ist, wenn sie einem trans Mann mit Vollbart gegenüber steht, weil ihr nicht genug bewusst ist, dass dieser mit dem «T» ganz klar auch zur Party eingeladen ist. Sie denkt beim «INTA» nur an weiblich gelesene Personen aus diesem Spektrum. Mehr zu diesem Beispiel siehe unten.

Wenn wir Lesben mehr Sichtbarkeit geben möchten, können wir die Variante FLINTA verwenden, denn für gewisse ist «Lesbe» nicht nur ihre sexuelle Orientierung, sondern auch eine Geschlechtsidentität (siehe auch: Was bedeutet eigentlich FLINTA?, feminismuss.de).

LGBTQIA+

Die Abkürzung LGBTQIA+ steht für: lesbian, gay, bisexual, transgender, queer, intersex, asexual, and more (+). Non-binäre Menschen sind in transgender, queer und/oder + eingeschlossen.

Von diesem Akronym gibt es verschiedene Varianten (Buchstabenkombinationen und -reihenfolgen): LGBT, LGBTIQ+, LGBTQIA2S+ (Ergänzung von Two-Spirit v.a. im nordamerikanischen Kontext), LGBTQIA* etc. In Deutschland werden auch Varianten mit «LSB…» (lesbisch, schwul, bisexuell, …) verwendet, aber in der Schweiz ist das nicht üblich. Bei der (Nicht-) Verwendung von Buchstaben geht es darum, welche Identitäten gemeint sind oder sichtbar gemacht werden sollen und welche nicht. Bei der Reihenfolge der Buchstaben geht es auch um geschmackliche Präferenzen.

Herausforderungen mit «LGBTQIA+» etc.

Die grössten Probleme mit diesen Abkürzungen entstehen, wenn Buchstaben unbewusst verwendet werden. Wenn z.B. für Forschungsprojekte oder Unterstützungsangebote LGBTQIA+ verwendet wird, aber Intergeschlechtlichkeit und Asexualität sind in keiner Weise abgedeckt, dann ist das ein Problem. Bei der Auswahl der Buchstabenkombination sollte also immer darauf geachtet werden, ob das jeweilige Thema auch genügend berücksichtigt ist. Andernfalls sollte der Buchstabe in dieser Situation weggelassen werden.

Queere Personen

Der Begriff queer wird meist verwendet als Sammelbezeichnung für Menschen, die nicht heterosexuell und/oder cisgeschlechtlich sind. Der Begriff ist eine Wiederaneignung (Reclaiming) eines Schimpfwortes und hat oft eine politische Konnotation. In vielen Diskussionen über den Begriff wird immer wieder betont, dass er nicht definiert werden kann und soll (siehe z.B. Britannica).

Herausforderungen mit «queer»

Der Begriff kann gut als kompakter, aber unscharfer Oberbegriff dienen. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass er von gewissen Menschen im LGBTQIA+ Spektrum nicht für sich verwendet wird. Weiter ist die Tatsache, dass der Begriff nicht definiert werden soll, für eine präzise Kommunikation nicht gerade förderlich. Für Präzision sollten dann vielleicht andere Bezeichnungen verwendet werden.

Zebrastreifen Bern (Foto: Evianne Hübscher)

Personengruppen präzise beschreiben

Um Personengruppen in Bezug auf geschlechtliche Aspekte genau beschreiben zu können, müssen wir zuerst gut überlegen, was wir genau erreichen wollen. Auf dieser Basis können wir dann – unter Berücksichtigung verschiedener Perspektiven – genau beschreiben, was wir meinen. Dazu ist wichtig, dass wir sattelfest sind mit den verschiedenen Aspekten von Geschlecht. Wichtig ist dabei auch, dass dann wirklich «das drin ist, was aussen drauf steht» (d.h. wir müssen dann auch «liefern») und wir sollten uns darauf vorbereiten, dass etwas schief laufen oder sich verändern kann.

Was soll erreicht werden?

Vor der Formulierung sollten wir uns genau überlegen, was wir erreichen wollen. Eine Benennung einer Personengruppe kann ganz unterschiedliche Ziele haben:

  • Wunsch nach Präzision
  • Nicht ausschliessen (Inklusion)
  • Abgrenzung (bewusste «Diskriminierung»)
  • Sichtbarmachung
  • Spezifische Safer Spaces schaffen
  • Nicht von aussen Personen Definitionen zuschreiben

Oft sind es mehrere Ziele zusammen, die erreicht werden sollen.

Genau beschreiben, worum es geht

Weil die bestehenden Bezeichnungen oft nicht ganz klar sind, kann es hilfreich sein, diese genauer zu beschreiben. Sie sollten auch nicht unbedacht mechanisch verwendet werden. Bei Veranstaltungen kann manchmal auch am relevantesten sein, was an einem Ort gemacht wird. Ist Geschlecht jedoch nicht relevant, sollten wir es auch nicht ansprechen. Weiter kann manchmal auch zentral sein, negative Einflüsse (Diskriminierungen etc.) zu benennen und weniger das Geschlecht einer Gruppe.

Bezeichnungen genauer beschreiben

Weil die oben aufgeführten Bezeichnungen alle auf irgendeine Weise missverstanden werden können, wird es in vielen Fällen nötig sein, die Bezeichnungen noch genauer zu definieren oder die Personengruppe zu umschreiben.

Ein Beispiel: Auf einem Flyer für einen inklusiveren Mädchen-Treff könnte z.B. die Zielgruppe beschrieben werden als «Mädchen» mit einer Fussnote, die beschreibt, was damit genau gemeint ist. Diese Erklärung könnte lauten: «Mit Mädchen sind alle gemeint, die sich als Mädchen identifizieren oder non-binäre Jugendliche mit weiblicher Sozialisierung.» Bei dieser Präzisierung geht es dann nicht primär ums Geschlecht, sondern um Erfahrungen, die eine Person gemacht hat.

Bestehende Bezeichnungen nicht mechanisch verwenden

Nebst der Mehrdeutigkeit der bestehenden Bezeichnungen ist die grösste Gefahr, dass sie rein mechanisch angewendet werden. Wer ständig Frau durch «weiblich gelesen» ersetzt oder als Akronym in jeder Situation immer LGBTQIA+ verwendet, wird früher oder später etwas Unsinniges oder sogar Diskriminierendes sagen. Deshalb ist es wichtig, dass wir immer wieder überlegen, was wir wirklich ausdrücken wollen.

Veranstaltungen: Was wird an diesem Ort gemacht?

Bei Veranstaltungen kann eine hilfreiche Frage sein: Was machen wir in dieser Gruppe, an diesem Ort? Reden wir zum Beispiel über eine spezifische Lebenserfahrung, dann gehören eben alle dazu, die dies erlebt haben, z.B. Menschen, die patriarchale Gewalt durch Männer erfahren haben oder Personen, die menstruieren oder Elternteile, die geboren haben. Das kann dann ganz Verschiedenes heissen in Bezug auf geschlechtliche Bezeichnungen, aber diese sind in dem Fall unter Umständen dann gar nicht wichtig, sondern, was die Personengruppe verbindet, die mit dem Angebot angesprochen werden soll.

Der Vorteil obiger Beschreibungen ist auch, dass Personen, die nicht ins Angebot passen, gefühlt weniger ausgeschlossen und somit weniger verletzt werden, sondern einfach merken, dass das nicht ihren Erfahrungen entspricht.

Geschlecht nur wenn nötig ansprechen

Geschlecht muss aber auch nicht angesprochen werden, wenn es in einem bestimmten Zusammenhang gar nicht relevant ist. Dann ist es besser, einfach von Personen, Menschen, Leuten, Mitmenschen, Individuen oder Erdlingen zu sprechen.

Negative Einflüsse benennen

In manchen Situationen ist auch nicht unbedingt die präzise Definition der Gruppe in Bezug auf deren Geschlecht am wichtigsten, sondern das Benennen von negativen Einflüssen sollte im Vordergrund stehen. Von wem oder was wird eine Gruppe diskriminiert? So könnte das dann z.B. heissen «Menschen, die von patriarchalen Strukturen diskriminiert werden» oder «Personen, die queerfeindliche Gewalt erleben».

Grosse Gruppen auch nicht unsichtbar machen

Wenn Frauen, non-binäre Personen, Männer etc. in einer bestimmten Situation die grösste Gruppe der Angesprochenen ausmachen, sollten wir diese auch nicht unsichtbar machen. Diese Gefahr besteht, wenn wir grundsätzlich immer nur mit Umschreibungen arbeiten («Personen, die …»).

Relevante Ebenen von Geschlecht berücksichtigen

Wenn wir uns alle möglichen Veranstaltungen, Publikationen etc. vorstellen, wo Personengruppen in Zusammenhang mit einer geschlechtlichen Dimension beschrieben werden sollten, kommen wir schnell auf eine sehr hohe Anzahl von Kategorien. Dazu müssen wir die 5 Dimensionen des Geschlechter-Radars in sehr viel mehr Kategorien aufteilen.

  • Körper: Merkmale des Körpers, Körperfunktionen, Krankheiten, Geburtsgeschlecht, Inter- oder Endogeschlechtlichkeit, Variationen der Geschlechtsmerkmale etc.
  • Identität: Geschlechtsidentitäten, Labels, amtliche Geschlechter etc.
  • Ausdruck: Stil, Geschlecht ausdrücken (subjektive Sicht), Zuschreibung von Geschlecht durch andere (wie wird Person gelesen; Aussensicht) etc.
  • Anziehung: Geschlechter anziehend finden (sexuell, romantisch, ästhetisch etc.), Ausleben von Sexualität, Partner*innenschaften, Identitäten basierend auf Anziehung, Zivilstände etc.
  • Rolle: Sozialisierung, gelebte Rolle im Alltag oder in der Familie, Berufe, Hobbies etc.

Bei der Beschreibung der relevanten Aspekte geht es vor allem darum, dass Personen aus der Zielgruppe die Definition richtig verstehen. Je nach Situation können wir Fachbegriffe oder Fremdwörter verwenden, manchmal müssen wir die Dinge aber auch für eine allgemeine Verständlichkeit mit einfacheren Worten umschreiben. Ob besser mit Umschreibungen «Personen, die …» oder Begriffen wie «Männer*» gearbeitet wird, hängt nebst inhaltlichen Fragen auch von verschiedenen anderen Faktoren ab (Zielgruppe, Stil, Kommunikationskanäle etc.).

Weiblich/männlich sozialisiert: In gewissen Situationen können auch Umschreibungen wie «weiblich/männlich sozialisierte Menschen» hilfreich sein. Zum Beispiel in Selbsthilfegruppen, Gruppengesprächen, Gruppentherapien oder gewissen feministischen Austauschgruppen, in denen es um spezifische Prägungen in der Kindheit geht, ist es relevant, dass nur die Personen mit diesen spezifischen Sozialisierungen anwesend sind, um einen saferen Space für sie zu haben.

Körper umschreiben: In medizinischen Kontexten, gerade auch im Rahmen von Präventionsprojekten zu sexuell übertragbaren Krankheiten, können Beschreibungen von Körpermerkmalen helfen («Menschen mit Vulva, Menschen mit Penis») oder Thematisierung von Intergeschlechtlichkeit («Menschen mit/ohne Variation der Geschlechtsmerkmale»).

Verschiedene Perspektiven einbeziehen

In der Kommunikation ist nicht nur die präzise Definition der Begriffe wichtig, sondern auch die Berücksichtigung unterschiedlicher Perspektiven. Denn nicht alle Beteiligten werden etwas gleich verstehen – je nach ihrem Hintergrund.

Ein Beispiel: Der Begriff «FINTA» ist zwar eigentlich relativ genau definiert, aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass er trotzdem nicht von allen immer gleich (gut) verstanden wird. So kann bei einer FINTA-Party (wie schon oben beschrieben) davon ausgegangen werden, dass z.B. einzelne cis Frauen beim «INTA» nur an «weiblich gelesene» Personen aus diesem Spektrum denken und dann verwundert sind, wenn sie einem trans Mann mit Vollbart gegenüber stehen. Weil dieser trans Mann wahrscheinlich auch schon entsprechende negative Erfahrungen gemacht hat, dass er nicht erwartet wird, hat er sich auch zweimal überlegt, ob er wirklich an diese Party gehen will – obwohl er eigentlich ganz klar dazu eingeladen ist. Um Diskriminierungen zu vermeiden und zu erreichen, dass sich alle sicher und willkommen fühlen (sowohl der trans Mann wie auch die cis Frau), braucht es wegen dieser verschiedenen Perspektiven bei FINTA-Parties viel Kommunikation. Dies wird oft mit Awareness-Teams erreicht, die allen Besuchenden beim Eingang einen kurzen «Crashkurs zu Geschlechtervielfalt» geben und als Ansprechpersonen bei Problemen zur Verfügung stehen. Weiter werden oft in den Räumen Plakate mit Informationen und Safer Space Regeln aufgehängt.

Weil es vergleichbare Situationen auch bei anderen Veranstaltungen geben kann, ist dabei immer ein hohes Mass an Fähigkeit zur Perspektivenübernahme benötigt, um in der Kommunikation alle relevanten Perspektiven zu berücksichtigen. Dazu können diese Fragen helfen:

  • Wer soll hauptsächlich angesprochen werden?
  • Wer soll eingeschlossen werden? Wer nicht?
  • Wer soll aktiv ausgeschlossen werden?
  • Was soll damit erreicht werden?
  • Geht es um Inklusion oder auch um Sichtbarmachung?
  • Wie ist diese Gruppe genau definiert?
  • Wer soll die Bezeichnung (richtig) verstehen können?
  • Was wissen die Beteiligten über Geschlecht und welche Ausdrücke kennen sie?

Beim Berücksichtigen verschiedener Perspektiven sollten auch nicht einzelne Marginalisierungen in eine Hierarchie gesetzt und gegeneinander ausgespielt werden. Schön wäre, wenn diese gleichermassen in Betracht gezogen werden könnten.

Es sollte auch drin sein, was drauf steht

Wenn wir in der Beschreibung einer Veranstaltung, einem Beratungsangebot oder einer Party definieren, für wen das gedacht ist oder welche Aspekte es abdecken soll, dann müssen wir dies dann aber auch «liefern». Dabei sollten wir möglichst keine «Versprechen» machen, die wir nicht halten können.

Eine «LGBTQIA+ Organisation» sollte auch für alle Buchstaben Inklusion sicherstellen oder sich mindestens darum bemühen. Wenn ein Angebot wirbt mit «… gegen Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit», aber es gibt darin keine Beispiele aus einer Trans-Perspektive, dann ist das ein Problem. Beim FINTA-Party Beispiel: Was braucht es alles in der Kommunikation, dass sich an der Party die trans und intergeschlechtlichen Männer sowie die Enbies mit männlichem Geburtsgeschlecht gleichermassen angesprochen und wohl fühlen können wie die cis und trans Frauen?

Wenn etwas schief läuft

Wichtig ist auch, darauf vorbereitet zu sein, dass etwas nicht so gut klappt. Wie oben beschrieben, können die relevanten Ebenen von Geschlecht sehr vielfältig und die individuellen Perspektiven sehr unterschiedlich sein. Aus diesen Gründen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir Formulierungen verwenden, die früher oder später zu Problemen führen können, weil sich Menschen trotzdem verletzt fühlen. Wenn dies passiert, ist es wichtig, auf diesen Moment vorbereitet zu sein und allen Beteiligten klar zu machen, dass es in diesen Formulierungen in der Zukunft noch Änderungen geben kann: Wie können wir Formulierungen später anpassen oder Definitionen erweitern? Wie reagieren wir, wenn es in einer Veranstaltung zu Diskriminierungen kommt? Usw.

Weiter ist auch zu beachten, dass sich Situationen und Gepflogenheiten verändern können. Was heute ein etablierter Begriff ist, kann ein paar Jahre später als veraltet angesehen werden. Weil sich diese Dinge so schnell verändern können, ist es weniger relevant, ob wir immer den neuesten Begriffen nachrennen können, sondern am Entscheidendsten ist, wie wir reagieren, wenn Personen uns darauf ansprechen, dass sie Bezeichnungen als nicht passend sehen oder als verletzend empfinden. Dann sollte ihnen zugehört und ihr Gefühl wertgeschätzt werden.

Weitere Quellen