Non-binäre Personen sind überproportional von LGBTIQ-feindlichen Hate Crimes betroffen. So sind sie darauf angewiesen, dass anwesende Personen sie unterstützen. Paradoxerweise helfen anwesende Personen weniger, je mehr Personen in einer Situation dabeistehen. In der Psychologie wird das «Verantwortungsdiffusion» genannt. In den 1970er Jahren wurde aber in der Sozialpsychologie ein Prozessmodell für Hilfeverhalten erarbeitet, um diesem Effekt entgegenzuwirken.

Im 2025 Hate Crime Bericht (Hatecrimes, Pink Cross) der «LGBTIQ-Helpline» steht zu LGBTIQ-feindlichen Hate Crimes: In 40% der Fälle sind nicht-binäre Personen betroffen. 50% der Meldungen stammt von trans Personen (binär und nicht binär). Die gemeldeten Hate Crimes wurden mehrheitlich im öffentlichen Raum verübt (43%) oder waren Online-Hass (20%). 63% der erfassten Vorfälle waren Beleidigungen und verbale Belästigungen. 12% berichteten von körperlicher Gewalt, und 7% erlebten sexuelle Belästigung oder Übergriffe. 64% der Meldenden gaben an, dass der Vorfall psychische Folgen für sie hatte. Es wurden dabei nur 15% der gemeldeten Hate Crimes bei der Polizei angezeigt. Bei diesen Anzeigen erlebten 11% Ablehnung oder Herablassung. Viele Betroffene entschieden sich gegen eine Anzeige, da sie sich unsicher waren, ob und wie der Vorfall verfolgt würde oder weil sie negative Reaktionen der Polizei befürchteten.
Der Bystander-Effekt und Zivilcourage
Der sogenannte «Bystander-Effekt» (oder: Zuschauer*innen-Effekt) besagt, dass einer Person in einer Notsituation weniger geholfen wird, wenn noch andere Personen anwesend sind (siehe Dorsch Lexikon der Psychologie). Je mehr Personen dabeistehen, desto unwahrscheinlicher wird die Hilfeleistung. Wenn LGBTQIA+ Personen betroffen sind, verstärkt sich dieser Effekt noch zusätzlich.

Prozessmodell für Hilfeverhalten
In den 1970er Jahren haben die beiden Psychologen Latané und Darley den Bystander-Effekt untersucht und haben basierend auf dieser Forschung ein Prozessmodell für Hilfeverhalten entwickelt (Buch: The Unresponsive Bystander).
Gemäss diesem Modell müssen Personen zuerst fünf Phasen erfolgreich durchlaufen, bevor sie in einer Notsituation Hilfe leisten:

Das bedeutet auch, dass es in jeder Phase Gründe gibt, die Personen daran hindern können zu helfen:
- Wahrnehmung der Situation: die Situation wird gar nicht wahrgenommen
- Interpretation als Notsituation: die Situation wird nicht als Notsituation eingeschätzt
- Übernahme von Verantwortung: die Personen fühlen sich nicht verantwortlich zu helfen
- Entscheidung über die Art der Hilfeleistung: die Personen wissen nicht wie helfen
- Hilfeleistung: die Personen haben Angst vor persönlichen Konsequenzen
Somit sinkt mit jeder Phase die Wahrscheinlichkeit, dass es am Schluss effektiv zu einer Hilfeleistung kommt.
Diese Effekte kennen und ihnen entgegenwirken
Wie das Modell zeigt, gibt es verschiedene psychologische Mechanismen, die uns daran hindern, in Situationen Zivilcourage zu zeigen und zu helfen. Deshalb ist es gut, diese Mechanismen zu kennen und ihnen aktiv entgegenzuwirken. Wenn es sich in einer Situation um Queerfeindlichkeit handelt, kann noch hinzukommen, dass wir vielleicht über dieses Thema nicht viel wissen und dann verstärken sich diese Effekte noch.
Deshalb werden im Folgenden über die Phasen hinweg nicht nur die psychologischen Mechanismen erklärt, sondern auch worauf in Bezug auf non-binäre (Enbies) oder generell LGBTQIA+ Personen spezifisch zu achten ist.
Das Modell mit Bezug zu Enby-Feindlichkeit
Wenn in einer Situation Feindlichkeit gegenüber non-binären Personen auftritt, dann ist es wichtig, nebst den generellen psychologischen Mechanismen auch noch die relevanten Informationen in Bezug auf LGBTQIA+ Themen zu kennen:

Phase 1: Wahrnehmung der Situation
Was ist für LGBTQIA+ Personen gefährlich?
Allgemein
Um eine Situation wahrzunehmen, braucht es eine generelle entsprechende Aufmerksamkeit. Diese kann von der eigenen Stimmung oder von Zeitdruck negativ beeinflusst werden. Wenn eine Notsituation sehr auffällig (laut etc.) ist, wird sie eher wahrgenommen.
Spezifisch zu LGBTQIA+
Wenn wir wissen, welche Situationen für LGBTQIA+ Personen potenziell problematisch sein können, kann das dazu führen, dass wir in solchen Situationen oder Umgebungen aufmerksamer sein werden. In Bezug auf die Situation ist ein grundsätzliches Problem, dass nicht immer klar ist, ob überhaupt LGBTQIA+ Personen anwesend sind, weil sie allenfalls nicht sichtbar sind oder sich nicht zeigen.
Für LGBTQIA+ Personen kann eine Situation unangenehm oder gefährlich werden, wenn sie ein gender-nonkonformes Aussehen haben oder gleichgeschlechtliche Anziehung zeigen. Für trans, non-binäre und gender-nonkonforme Personen können gegenderte Räume generell ein Problem darstellen.
Mehr Informationen:
- Geschlechter-Radar – Normative und expansive Ausprägungen von Geschlecht
- Einstieg ins Thema non-binäres Geschlecht
- Lebensrealitäten non-binärer Menschen
Phase 2: Interpretation als Notsituation
Wann kommen LGBTQIA+ Personen in Not?
Allgemein
Die Situation muss auch als Notsituation erkannt werden. Wenn in der Situation auch noch andere Personen anwesend sind, die auch nichts machen, kann das dazu führen, dass einzelne denken, alles sei doch in Ordnung. Wenn doch alle nichts machen, dann wird doch die Situation schon in Ordnung sein. Dies wird auch «pluralistische Ignoranz» genannt.
Spezifisch zu LGBTQIA+
Unangenehm oder gefährlich können Situationen für LGBTQIA+ Personen werden, wenn sie angestarrt, verbal oder körperlich attackiert werden. Manchmal ist es aber auch so, dass feindlich gestimmte Personen negative Dinge «vor sich hin» sagen. Immer wieder werden Personen auch auf ihr LGBTQIA+ sein angesprochen. Trans Personen werden misgendert und oft auch angefasst.
Mehr Informationen:
- Lebensrealitäten non-binärer Menschen
- LGBTIQ-Helpline – Hate Crime Berichte etc.
- Studienübersicht: Definition und Auswirkungen von Misgendern (VLSP*, 2021)
Phase 3: Übernahme von Verantwortung
Eigene Privilegien (er-)kennen
Allgemein
Bei der Anwesenheit von anderen Personen können einzelne denken, dass doch «die anderen was machen sollen». Oft denken Menschen auch, dass andere sicher viel besser qualifiziert seien zu helfen als sie selbst. Aber wenn alle dies denken, dann passiert gar nichts. In der Psychologie wird das auch «Verantwortungsdiffusion» genannt. Je mehr Menschen anwesend sind, desto stärker ist dieser Effekt.
Spezifisch zu LGBTQIA+
LGBTQIA+ Menschen sind generell mehr betroffen vom Bystander-Effekt als Personen, die gesellschaftlichen Normen entsprechen. Für LGBTQIA+ Personen ist es auch schwieriger, um Hilfe zu bitten.
Zu den Anwesenden kann gesagt werden, dass wer noch nie selbst solche Situationen erlebt hat (aus denselben Gründen) und nicht auffällt (aus diesen Gründen), in dieser Hinsicht privilegiert ist. Mit einer Privilegiertheit zu helfen, kann einfacher sein. Aber andere Marginalisierungen können hier auch wieder ein Hindernis darstellen.
Phase 4: Entscheidung über die Art der Hilfeleistung
Worauf achten bei Interaktionen mit LGBTQIA+ Personen?
Allgemein
Menschen können nicht wissen, was sie tun sollen oder sie können auch selbst in einen Schockzustand geraten. Es kann aber auch sein, dass sie die nötigen Fähigkeiten wirklich nicht haben. Für gewisse Situationen kann es hilfreich sein, wenn Leute einen Erste-Hilfe-Kurs besucht haben. Entsprechend gibt es auch Kurse für Zivilcourage, wo das Eingreifen in solchen Situationen geübt werden kann. Generell kann durch offene Interaktion Sicherheit vermittelt werden.
Spezifisch zu LGBTQIA+
In der Interaktion mit LGBTQIA+ Personen sollten generell keine Annahmen gemacht werden über deren Geschlecht, Pronomen, Transgeschlechtlichkeit etc. Die Personen sollten auch nicht ungeprüft gegendert, sondern neutral angesprochen werden. Wer spezifische Verletzungen von trans und non-binären Menschen kennt, kann hier auch effektivere Hilfe leisten. Trans Menschen möchten allenfalls nicht sprechen, weil sie eine Stimm-Dysphorie haben (d.h. es ihnen unangenehm ist, dass ihre Stimme wahrscheinlich nicht so interpretiert wird, wie es zu ihrer Geschlechtsidentität passen würde). Eine wichtige Hilfestellung für LGBTQIA+ Personen kann auch der Umgang mit Polizei etc. sein (z.B. Zeugenaussagen). Denn Mitarbeitende der Polizei sind zum Teil gegenüber LGBTQIA+ Personen eher negativ eingestellt und verweigern ihnen manchmal sogar eine Hilfestellung, weil sie ihre Not nicht anerkennen (siehe Hate Crime Berichte). Auf der anderen Seite gibt es auch sensibilisiertere Polizist*innen (siehe PinkCops). Wichtig ist auf jeden Fall, dass Vorfälle gemeldet werden, um diese in der Statistik zu dokumentieren: LGBTIQ-Helpline
Mehr Informationen:
- Lebensrealitäten non-binärer Menschen
- Umgang mit non-binären Menschen generell
- Kommunikation (Sprache etc.)
- PinkCop – Verein für queere, bei der Polizei oder Justizbehörden tätige Personen
Phase 5: Hilfeleistung
Reflektieren, was mich hindern könnte zu helfen
Allgemein
Ein Hindernis, dann auch wirklich aktiv zu werden, kann auch eine Angst vor Konsequenzen, etwas falsch zu machen oder die Situation zu verschlimmern sein. Weiter kann auch die Angst bestehen, einen schlechten Eindruck zu machen. Diese Angst steigt in der Regel, je mehr Menschen anwesend sind. Manche wollen sich nicht selbst in Gefahr bringen, andere haben vielleicht Angst, sich strafbar zu machen.
Spezifisch zu LGBTQIA+
Wenig Wissen zu dem Thema kann die Unsicherheit noch verstärken. Weiter kann auch internalisierte LGBTQIA+ Feindlichkeit oder die Angst als mit dem Thema in Verbindung gebracht zu werden, ein Thema sein.
Mehr Informationen:
- Geschlechter-Radar – Normative und expansive Ausprägungen von Geschlecht
- Einstieg ins Thema non-binäres Geschlecht
- Umgang mit non-binären Menschen generell
Zivilcourage bei Feindlichkeit gegenüber non-binären Personen
Ein paar praktische Tipps (mehr bei den weiteren Quellen unten):
Effekt bewusst machen: Wenn wir uns des Bystander-Effekts bewusst sind, kann es hilfreich sein, uns vorzustellen, wir wären allein in der Situation. So kann der Effekt minimiert werden.
Falls die Situation nicht allein bewältigt werden kann: Augenkontakt zu einer anderen anwesenden Person herstellen und dann direkt ansprechen. Indem ein Mensch herausgepickt und personalisiert wird, löst ihn das aus der Gruppe heraus. Dann kann zusammen eingegriffen werden.
Zivilcourage üben: Es gibt verschiedene Workshopangebote zum Üben von Zivilcourage (siehe auch Quellen unten). Wenn wir im Alltag auch immer üben, uns bei «kleineren» Dingen für andere einzusetzen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir das auch in Notsituationen schaffen.
Unterstützung suchen: Bei Gewalt gegen LGBTQIA+ Personen hilft die LGBTIQ-Helpline. Dort können auch Vorfälle gemeldet werden.
The 5Ds of Bystander Intervention: Distract, Delegate, Document, Delay, Direct
- Ablenken (Distract): Die belästigende Person ignorieren und die betroffene Person direkt ansprechen. Sich nicht auf die Belästigung beziehen, sondern über etwas Unabhängiges reden.
- Delegieren (Delegate): Andere Personen fragen, in der Situation zu helfen.
- Dokumentieren (Document): Die Situation aufnehmen oder sich Notizen über die Situation machen.
- Nachsorgen (Delay): Allenfalls können wir die Person auch unterstützen, wenn die Situation vorbei ist.
- Direkt angehen (Direct): Manchmal können wir auch die belästigende Person direkt konfrontieren, wenn die Situation nicht gefährlich ist und nicht weiter eskaliert.
Mehr dazu bei: Right To Be [en]
Weitere Quellen
- Stadt Basel: Halt Gewalt – Was kann ich tun? Zivilcourage zeigen bei Häuslicher Gewalt im Umfeld
- Stadt Bern: Zivilcourage
- Stadt Zürich: Zivilcourage und Selbstbehauptung
- Kanton St.Gallen: Zivilcourage
- Universität Zürich: Zivilcourage-Portal
- Schweizerischen Kriminalprävention (SKP): Zivilcourage Kompass
- Beobachter: Thema Zivilcourage
- Right To Be [en] – a world free of hate and harassment, and filled with humanity.
- 24.03.2021 · SRF · Zivilcourage ist nichts für Superhelden
- Hate Crime Berichte: Hatecrimes (Pink Cross)
Text von: Evianne Hübscher
Erste Veröffentlichung: 11.6.2026 | Letztes Update: 17.6.2026